Erfüllung

Weil es vom Thema so gut paßt, möchte ich auf einen Spiegel-Online-Artikel hinweisen. Es geht darin um Palliativmedizin für todkranke Kinder. Insgesamt ein guter Artikel, doch einen Satz konnte ich dort nicht unkommentiert stehenlassen:

“Ein totes Kind, das ist so viel schlimmer als der Tod eines Erwachsenen, der ein Leben gehabt hat.”

Ich weiß, daß viele Leser bei diesem Satz nicken werden. Doch ein erfülltes Leben besteht meiner Auffassung nach nicht darin, einem einfältigen gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Wir bekommen suggeriert, daß ein langes Leben mit den üblichen Beigaben wie beruflichem Erfolg und Kindererziehung irgendetwas mit Erfüllung zu tun haben soll. Bei Klassentreffen hört man nur noch: “Mein Auto, mein Haus, mein Job, meine Frau, meine Kinder”… aber haben diese Menschen wirklich begriffen, warum sie hier sind? Sind sie wirklich glücklich in ihrem Leben? Haben sie Erfüllung erlangt oder sind sie gerade dabei?

Die vielen Menschen, die trotz des ganzen “Reichtums” in ihrem Leben irgendwann in ein großes Loch stürzen, sollten uns Antwort genug sein. Nach der gängigen Auffassung sollten sie doch glücklich sein, haben sie doch Auto, Haus, Job und Familie. Sie haben erreicht, was die westliche Welt vorgibt. Doch irgendetwas stimmt trotzdem nicht, sie scheinen damit nicht erfüllt zu sein.

Aber kein Problem: Auch dafür hat unsere ach so fortschrittliche Gesellschaft die passende Ursache parat: Hormonumstellung! Ja, prima! Dann schlucken wir einfach eine Weile lang Tabletten und dann klappt’s auch wieder mit der Erfüllung. Gell?!

Genug der Polemik. Ich glaube, die Definition vom Sinn des Lebens ist so individuell verschieden, wie die Menschen es sind. Erfüllung ist rein subjektiv und niemand sollte diese einem – für unsere Maßstäbe – früh gestorbenen Kind aberkennen. Viktoria hat in ihrem kurzen Leben mehr bewegt, als so mancher, der erst im Greisenalter dahinscheidet.

Und wenn “die Gesellschaft” uns sagt, wir müssen aber alt werden, um Erfüllung zu erlangen, dann ist sie meiner Meinung nach völlig auf dem Holzweg! Wie seht ihr das?

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2 Antworten auf Erfüllung

  1. Christine sagt:

    Auch mich hat der Satz gestört. Denn wie bei vielem ist Quantität auch beim Lebensalter nicht Qualität. Auch wir lernen jeden Tag durch unseren Sohn, der durch einen Sauerstoffmangel bei der Geburt schwer hirngeschädigt wurde, die Lebensqualität, den Augenblick über alles zu stellen. Auch unser Sohn Arne hat schon so viele Dinge in Bewegung gebracht und tut es noch. Er verändert Leben – und ich will glauben, dass er das nachhaltig tut. Wir könnten – auch wenn er einmal nicht mehr ist – sicher nie wieder zu dem Leben zurück, dass wir vorher geführt haben (“gesellschaftskonform” natürlich). Wir zweifeln immer mehr an diesen gesellschaftlichen Normen und Zwängen. Den eigenen Lebenssinn zu finden, das hat uns Arne erleichtert. Wir sind immer noch auf der Suche. Aber die Etappensiege sind schon sehr erhellend! Auch Viktoria hat ihr Umfeld sicher nachhaltig geprägt und verändert. Dafür war sie da, hat “vorbeigeschaut”. Lassen wir uns doch einfach ein auf diese Erkenntnis. Laufen wir nicht davon, versuchen wir doch nicht ständig zu heilen. Früher dachte ich “Ich gäbe alles dafür, wenn Arne gesund wäre oder wenigstens nur “ein bißchen behindert”. Heute denke ich: Quatsch! Er wäre dann nicht Arne!!! ER ist gut so, wie er ist. WIR müssen umdenken, uns verbessern, dazulernen! Dazu gehört, das Leben im JETZT zu leben, denn wer will schon alt werden und sterben, ohne gelebt zu haben? Ich wünsche euch, dass ihr die Erkenntnis, die ihr durch eure Tochter gewonnen habt, weitertragt, so wie ihr es bisher getan habt! Gegen das Wegschauen und Vergessen! Wir sind an eurer Seite!
    Christine & Dieter mit Arne und Jonte (unser im März diesen Jahres geborener “Segen”)

  2. E. M. sagt:

    Hallo Ecke,

    dennoch gibt es zuviel Schafe die einer Herde folgen und sich somit den gesellschaftlichen idealen orientieren. Sie denken damit ihr Glück gefunden zu haben, indem sie dazugehören, Anerkennung finden um somit das subjektive Profiliergehabe zu befriedigen.
    Die Gesellschaft bringt uns bei Angst zu haben, sich anzupassen und sich so zu assimilieren, dass uns somit zum Teil jegliche Individualität verloren geht. Wir denken wir sind glücklich wenn wir uns durch unseren tollen Jobs, das viele Geld das wir uns vielleicht hart erarbeitet haben, beweisen können.
    Fast jeder Mensch in unserer Gesellschaft plant vor und sichert sich für später ab, wieso?? Weil wir so erzogen werden, sei es von unseren Eltern, Lehrern oder ja sogar Medien. Vielleicht aber auch weil es uns leichter fällt mit dem Strom zu schwimmen..

    Erst durch drastische und nicht wieder gut zu machende Schicksalsschläge wird uns dann doch irgendwann bewusst, dass dies doch nicht alles sein kann. Plötzlich werden wir nachdenklich, gehen in uns, fragen uns vielleicht ob es wirklich das ist was wir wollen..

    Es heißt so schön “Die Zeit heilt alle Wunden”… Nein tut sie nicht. Schmerzen bleiben, wir lernen nur mit ihnen zu leben. Das einzige was die Zeit macht.. Sie lässt es zu, das wir uns wieder nach einiger Zeit in die (zum Teil) demoralisierte Gesellschaft so einfügen wie es für richtig gehalten wird. Und plötzlich ist sie wieder da.. Die verlorene Seele die sich den Sinn des Lebens darin sucht, indem es die Wahrhaftige Schönheit des Lebens das wir durch das tragische Schicksal erfahren haben verliert, verdrängt oder auch vergisst.

    Ich möchte euch mein tiefstes Mitgefühl als Vater eines 10 monatigen Jungen ausrichten, und euch von ganzem Herzen dafür danken, dass Ihr so wundervolle und liebevolle Eltern für Viktoria wart.
    Ebenso möchte ich euch dafür Danken, dass Ihr trotz des schmerzhaften Verlustes solch inspirierenden und tief ergreifenden Worte und Halt für andere Menschen findet.

    Eure Geschichte und euer wundeschönes Kristallkind Viktoria, wird immer in meinem Gedanken und meinem Herzen seinen Platz haben.

    Liebe Grüße

    E. M.

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