Mittwoch, 27.6.2012

Ein weiterer Morgen mit unserer toten Tochter. Die morgige Trauerfeier ist beinahe vollständig organisiert. Wir haben nun etwas mehr Zeit, um nachzudenken – die letzten Tage hatten wir kaum Zeit zum Essen. Beim Gang durch die Wohnung fällt der Blick immer wieder auf etwas, daß an eine frühere Situation mit Viktoria erinnert. Die Kuscheldecke in der Wäsche, der Zahnputzbecher im Bad, die Babylöffel in der Küche. Man ertappt sich dabei, wie man den Mixer aus der Spülmaschine nimmt und umarmt. Er wurde extra für Viktoria angeschafft. Auch die Schälchen, in denen man ihren Brei erwärmte, rühren zu Tränen. Wo man auch hinblickt werden Erinnerungen mit unserem kleinen Engel wach, schöne Erinnerungen. Wunderschöne Erinnerungen.

Eine letzte große Hürde liegt noch vor uns. Viktorias Sarg ist gekommen und soll geschmückt werden. Die Idee, mit Fingerfarben unsere Handabdrücke aufzudrucken, wird schnell wieder verworfen. Es sieht einfach nicht gut aus. Aber was dann? Was würde ein Kind nun tun?! Fingerfarben – eine leere Fläche – Papa malt einfach drauflos und Sabine macht mit. Blümchen, Schmetterlinge, Raupen, eine Sonne – kindlich und passend. Mama schreibt später noch mit einem feinen Pinsel den Abendsegen aus der Oper „Hänsel und Gretel“ darauf, den sie Viktoria oft vorgesungen hat:

Abends, will ich schlafen geh’n,
Vierzehn Engel um mich steh’n:
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zweie, die mich decken,
Zweie, die mich wecken,
Zweie, die mich weisen,
Zu Himmels-Paradeisen.

Der Text ist so passend. So gut. So ergreifend. Als er fertig aufgemalt ist, fällt uns auf, daß das Wort „Füßen“ tatsächlich am Fußende steht und die „Himmels-Paradeisen“ am Kopfende. Was für ein Zufall…

Es ist schon spät abends. Es ist irgendwie bizarr, fast surreal. Der leblose Körper unserer Tochter liegt noch immer mitten in unserem Wohnzimmer. Viktoria ruht auf ihrem Sitzsack, so wie sie es die letzten Monate auch oft zum Schlafen getan hat. Ihre weichen, seidigen blonden Haare wehen im Wind am offenen Fenster. Ihr Kopf ist leicht nach rechts geneigt, die Augen mit ihren endlos langen Wimpern sind geschlossen, ihr Mund steht leicht offen. Sie sieht genauso aus wie früher. So als würde sie schlafen. Und doch ist es anders. Ihre Haut ist ganz fahl, mittlerweile sind überall am Körper kleine Verfärbungen zu sehen. Die Fingerkuppen der linken Hand sind ganz blau, ihre Lippen beinahe schwarz von dem Pflaster der letzten Intubation. Man streicht über ihre Stirn und hält ihre Hand – ihre Haut ist ganz kalt. Die Gliedmaßen sind voll beweglich – ihre Spastik ist weg. Ihre Bäckchen sind nicht mehr so weich wie sonst, die Haut fühlt sich ledrig an. Mittlerweile liegt ein Hauch von Verwesungsgeruch in der Luft, doch in der frischen Brise der offenen Fenster und Türen nimmt man fast nichts davon wahr.

Ein Marienkäfer hat sich vom Licht anlocken lassen und kreist im Wohnzimmer um den Deckenfluter. Wenig später ist es um ihn geschehen und eine Rauchfahne steigt über der Lampe auf. Der Käfer ist Viktoria hinterhergeeilt. Wo sie beide wohl hingehen?!

In dieser Zeit kommen viele Gedanken. Haben wir alles richtig gemacht? Hätten wir das verhindern können? An welchem Punkt der Geschichte haben die Dinge begonnen, schief zu laufen?

Wir gewinnen mehr und mehr die Einsicht, daß die Dinge genau so haben kommen müssen, wie sie gekommen sind. Wir Menschen glauben immer, die Dinge kontrollieren zu können. Doch es setzt sich die Erkenntnis durch, daß wir überhaupt nichts unter Kontrolle haben. Dinge geschehen einfach – das einzige, was wir zu tun haben, ist, mit ihnen fertig zu werden.

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